7.6.26 – Cicero.de Interview mit Volker Perthes: Deutschland und der UN-Sicherheitsrat

Lesenwertes Interview im Cicero von Clemens Traub mit dem ehemaligen Jungdemokraten Volker Perthes am 7. Juni 2026:

„Die wichtigste Lehre besteht darin, die Welt so wahrzunehmen, wie sie tatsächlich ist“

Deutschland ist mit seiner Bewerbung um einen Sitz im UN-Sicherheitsrat gescheitert. Im Interview spricht der Politikwissenschaftler Volker Perthes über die Gründe – und was daraus folgen muss. Wie groß ist der Reputationsschaden für die Bundesrepublik wirklich?

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Unter anderem blickt er zurück auf die Zeit direkt nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, als die Ampelregierung mit dem Kanzler Scholz und der Außenministerin Baerbock noch erfolgreicher auf der UN-Ebene waren:

„Damals haben sich die USA und die europäischen Staaten intensiv um Unterstützung im Globalen Süden bemüht und dadurch deutliche Mehrheiten in den Vereinten Nationen erreicht. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, solche Beziehungen nicht nur in Krisenzeiten zu pflegen, sondern dauerhaft politische Gemeinsamkeiten, Koalitionen und Allianzen aufzubauen.

2024 hat Deutschland das in New York übrigens hervorragend gemacht. Dabei haben Deutschland und Namibia, die beide nicht Mitglied des Sicherheitsrats waren, die Führung übernommen, um den sogenannten Paket für die Zukunft auszuhandeln. Dieses Abkommen ist dann von der Generalversammlung einstimmig angenommen worden – trotz erheblicher Obstruktion Russlands.

Zudem erläutert er vielschichtig die Hintergründe warum es bei der Wahl in der UN-Sicherheitsrat für Deutschland nicht gereicht hat.

Volker Perthes ist ein ehemaliger Jungdemokrat, und war von 2005 – 2020 Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik und Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen im Sudan.

Zum Schluss des Interviews schloss er mit dem Fazit:

Die eigentliche Frage ist, ob Deutschland und Europa bereit sind, ihrer politischen Bedeutung auch in einer zunehmend multipolaren Welt gerecht zu werden.

Das sollte sicherlich eine gute Überleitung sein zu seinem neuesten Buch:

Volker Perthes – Die Multipolisierung der Welt, Ein geopolitischer Wegweiser, was 2026 im Suhrkampverlag erschienen ist.

suhrkamp.de volker-perthes die multipolarisierung der welt

Die weitgehend friedliche oder zumindest übersichtliche Weltordnung der langen 1990er Jahre ist Vergangenheit: Weder internationale Organisationen noch die vormalige alleinige Supermacht USA können heute militärische Konflikte wie in der Ukraine eindämmen. Der Westen wirkt gespalten. Neue Mächte betreten die Bühne, Handelskriege stellen exportorientierte Staaten wie die Bundesrepublik vor Probleme.

Volker Perthes bietet mit seinem Essay Einordnung und Überblick. Wir leben in einer von Multipolarisierung geprägten Zeit. Nach dem Kalten Krieg und der Pax Americana dominieren heute fünf starke Pole die Weltpolitik, neben den USA und China auch die EU, Russland und Indien. Regionale Mittelmächte, das zeigt Perthes an den Beispielen Naher Osten und Südostasien, können diese großen Akteure gegeneinander ausspielen und ihre eigene nahe Umwelt durchaus gestalten. In dieser Lage muss die EU ihre Handlungsfähigkeit stärken, wenn sie nicht zwischen anderen Polen polarisiert werden will.


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